Sommergewitter in meiner Kindheit
Als gebürtige Neutharderin werde ich die Sommergewitter meiner Kindheit in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren nie vergessen. Wenn sich der Himmel über dem Hardtwald bedrohlich verdunkelte und die drückende Schwüle des Tages aufriss, geriet unser ganzes Dorf in Aufregung. Ein schweres Unwetter bedeutete damals für uns eine existenzielle Bedrohung, auf die man sich mit tiefem Glauben vorbereitete.
Bei uns zu Hause hatte man als gute, gläubige Familie natürlich stets geweihte Kerzen parat. Die Kerzen kaufte meine Mutter bei der Ludwina. Sie wurden an Maria Lichtmess feierlich gesegnet und wie ein kostbarer Schatz gehütet. Sobald das erste bedrohliche Grollen in der Ferne zu hören war, holte meine Mutter die Kerze andächtig hervor. Sie wurde mitten auf dem Wohnzimmertisch aufgestellt und feierlich angezündet. Ihr warmes, sanftes Licht war in der plötzlichen Finsternis des aufziehenden Sturms unser einziger Halt. Im unruhigen Schein dieser flackernden Flamme, die für uns Gottes schützende Gegenwart symbolisierte, beteten wir inbrünstig den Rosenkranz. Wir flehten um himmlischen Beistand, damit der Blitz dem Haus, den Tieren im Stall und uns Menschen keinen Schaden zufüge.
Niemand durfte in solchen Nächten schlafen. Meine Mutter holte uns Kinder mitten in der Nacht aus den Betten und brachte uns alle gemeinsam im Wohnzimmer unter, wo uns das Licht der Gewitterkerze wenigstens ein bisschen Trost spendete. Doch die Angst vor den entfesselten Naturgewalten war immens. Mein Bruder Theo hielt es vor Panik oft nicht aus und versteckte sich unter dem großen Schreibtisch unseres Vaters.
Genau dort, in der obersten Schublade, hütete unsere Mutter einen wahren Schatz: alle wichtigen Dokumente der Familie. In dieser von Entbehrungen geprägten Nachkriegszeit waren Papiere wie Ausweise oder Urkunden lebensnotwendig. Hätte der Blitz tatsächlich eingeschlagen und das Haus trotz der brennenden Gewitterkerze entzündet, galt bei uns die eiserne Regel: Zuerst die Kinder retten, und sofort danach die Papiere! Gott sei Dank mussten wir einen Brand nie am eigenen Leib erleben.
Doch das Element Wasser suchte uns regelmäßig und unbarmherzig heim. Ich erinnere mich noch gut daran, wie die heftigen Regengüsse manche Keller in Neuthard komplett fluteten. Besonders gedenkt mir dabei der Keller von Fahrrad-Walters Mutter. Sein Vater war bereits 1949 verstorben und so stand die Mutter dann oft allein im fahlen Licht einer Laterne im nassen Keller und versuchte verzweifelt, die Wassermassen mit Eimern zu bändigen.
Ein ganz außergewöhnliches Naturphänomen hat sich mir aus jener Zeit tief in die Seele eingebrannt. Bei einem besonders schweren Gewitter blickte ich nach draußen und sah einen echten Kugelblitz. Als leuchtender, zischender Ball aus purem Licht raste er mit unglaublicher Geschwindigkeit mitten durch die Hauptstraße. So etwas Unfassbares geht einem im ganzen Leben nie mehr aus dem Sinn.
Doch so groß der Schrecken während des Unwetters auch war, so herrlich war das unbeschwerte Glück danach. Kaum verzog sich das Grollen in Richtung Bruchsal und der Starkregen ebbte ab, löschte die Mutter die Gewitterkerze dankbar mit den Fingern, und uns Kinder hielt nichts mehr im Haus. Wir rissen die Türen auf und liefen voller Freude barfuß hinaus auf die Hauptstraße. Das Wasser stand dort oft zentimetertief, aufgewärmt von der Sommerhitze. Es war ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit, barfuß durch diese lauwarmen Fluten zu waten, während sich der Himmel langsam wieder aufklarte.
Für die Neutharder Bauern begann die größte Angst allerdings erst, wenn das Gewitter vorbei war. Sie blickten mit bangen Augen zu ihren Scheunen. Wenn die Ernte im feuchten Sommer unter Zeitdruck auch nur ein bisschen zu nass eingefahren wurde, drohte die Katastrophe: Das Heu fing in der stickigen Scheune an zu gären. Die dadurch entstehende unsichtbare Hitze konnte dazu führen, dass die Ernte sich selbst entzündete und die Scheune im Nu lichterloh verbrannte.
So war jedes Sommergewitter im Neuthard meiner Kindheit eine bleibende Prüfung – ein Wechselbad aus tiefer Frömmigkeit im Schein der geweihten Kerze, nackter Existenzangst und dem unvergesslichen, kindlichen Glück im lauwarmen Regenwasser auf der Straße.
Anni Storck
